Julian Graf-Geduhn arbeitet in der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung und macht Palliative Care auf Social Media sichtbar. Im Interview spricht er über seinen Weg in die Palliativversorgung, über Selbstbestimmung am Lebensende und darüber, warum professionelle Palliativarbeit mehr ist als das gängige Bild vom „würdigen Sterben“.
DGP: Wie begann dein Weg in die Palliative Care und speziell die SAPV? Gab es einen Auslöser?
Julian: Während meiner Pflegeausbildung gab es in meinem Umfeld kaum Palliativstationen. In der Inneren Medizin und der Langzeitpflege habe ich erlebt, wie Menschen mit hoher Symptomlast gestorben sind – oft ohne eine wirklich abgestimmte, umfassende palliative Begleitung. Diese Erfahrungen haben mich tief geprägt. Nach meiner Ausbildung wollte ich deshalb unbedingt lernen, wie spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) funktioniert und wie sie Leid lindern kann. Während meines Examenskurses bewarb ich mich bei Hospizen in meiner Umgebung, zunächst ohne Erfolg, da mir die nötige Berufserfahrung fehlte. Bei meinem zweiten Bewerbungsanlauf verschlug es mich schließlich zum Goldbach PalliativPflegeTeam. Kurz nach meiner Probezeit saß ich bereits in der Fachweiterbildung. Mit 23 Jahren durfte ich mich nach erfolgreichem Abschluss Palliativfachkraft nennen.
Dein Fokus liegt auf Palliative Care. Wie bist du darauf gekommen, und wie siehst du die Verbindung zur Palliativversorgung?
Eigentlich hatte ich, wie viele andere Creator auf Social Media, zunächst mit normalem Pflegecontent gestartet und nebenbei auch Palliativversorgung thematisiert. In den Kommentaren und Privatnachrichten stieg die Nachfrage nach Palliativversorgung deutlich an. Das kam mir gelegen, da Palliative Care immer meine Leidenschaft war.
Was bedeutet für dich ‚Palliativversorgung‘, und warum engagierst du dich gerade in diesem Bereich?
Die Palliativversorgung leistet Tag für Tag Außergewöhnliches. Gerade in der SAPV arbeiten wir vorausschauend und nachhaltig. Viele unserer Patientinnen und Patienten leben allein zu Hause, eine Versorgung „auf Zuruf“ ist hier nicht möglich. Jeder Schritt muss durchdacht sein, denn zusätzliche Einsätze bedeuten einen hohen organisatorischen und personellen Aufwand. Wenn eine schwere Erkrankung so viel Leid mit sich bringt, dass sie scheinbar vorgibt: „Dieser Mensch darf nur stationär versterben”, dann zeigt die SAPV, dass es dennoch anders geht, dass ein Sterben zu Hause möglich sein kann. Ist das nicht großartig?
Wenn du an die ideale Palliativversorgung denkst: Wie sieht sie aus? Was müsste sich ändern, damit sie für alle besser wird?
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass Palliative Care weniger exklusiv sein sollte. Neben SAPV und AAPV (Allgemeine Ambulante Palliativversorgung) gibt es vermutlich noch eine große Zahl von Menschen, die trotz eindeutiger Diagnosen in Notfallsettings –etwa im Rettungsdienst oder im Krankenhaus – versterben. Auch Angebote wie die Psychosoziale Notfallversorgung für Betroffene (PSNV-B) der Rettungsdienste, die teilweise zu Sterbebettsituationen gerufen werden, existieren parallel zur SAPV. Es wäre wünschenswert, wenn unser öffentliches Versorgungswesen stärker vernetzt wäre, um Patientinnen und Patienten sowie ihren Zugehörigen fließendere, abgestimmte Unterstützung zu ermöglichen.
Für unsere Kampagne #dasistpalliativ richten wir uns an die interessierte Öffentlichkeit: Was ist die wichtigste Botschaft, die du gerne mitgeben möchtest?
Palliative Care gehört in die Sozialen Medien!
Du bist auf Instagram sehr aktiv und erreichst viele Menschen mit Palliativpflege-Themen. Warum ist dir diese digitale Präsenz wichtig?
Das öffentliche Bild von Palliativversorgung ist stark durch das Fundraising der Hospizinitiativen geprägt. Häufig werden Symbole wie das Händchenhalten bei der Sterbebegleitung verwendet und Begriffe wie „würdiges Sterben” fast schon floskelhaft genutzt. Diese Darstellungen sind nicht falsch, greifen aber zu kurz, denn sie zeigen nicht die hochprofessionelle Arbeit, die täglich geleistet wird.
Was glaubst du: Wie kann Social Media helfen, das Bild der Pflege – und speziell der Palliativpflege – realistischer oder menschlicher zu zeigen?
Das Spannende an Social Media ist, dass dort nicht nur Marketing- und PR-Geschichten erzählt werden, sondern vor allem die Erfahrungen der Menschen, die tatsächlich in diesen Bereichen arbeiten. Das macht die Inhalte authentisch und greifbar. Ich hoffe, dass meine Beiträge dazu beitragen, ein besseres Verständnis für unsere Arbeit zu schaffen.
Welche Rückmeldungen bekommst du am häufigsten zu deinen Posts? Gibt es etwas, das dich besonders berührt oder überrascht hat?
Tatsächlich erhalte ich für meine Arbeit unheimlich viel Lob und nette Worte in Kommentaren, manchmal fast schon zu viel, so dass es mir fast unangenehm ist. Grundsätzlich habe ich das Gefühl, dass die Palliativversorgung außergewöhnlich viel Wertschätzung erhält. Ich wünsche mir, dass die Kolleginnen und Kollegen aus allen anderen Versorgungsbereichen in Pflege und Medizin genauso viel Anerkennung bekommen. Manchmal erreichen mich sehr tragische Hilferufe. Ich verweise dann fast immer auf den „Wegweiser Hospiz- und Palliativversorgung” der DGP. Einmal schrieb mir eine Userin sogar, dass sie durch meine Beiträge ihre Angst vor dem Tod verloren habe. Einige Monate später meldete ihre Schwester bei mir, dass sie mittlerweile verstorben sei – und bedankte sich.
Viele Menschen haben Angst vor dem Thema Palliativversorgung. Wie begegnest du dieser Angst?
In den sozialen Medien versuche ich, die Palliativversorgung realistisch darzustellen, ohne sie zu dramatisieren oder zu verharmlosen. Die Arbeit in diesem Beruf ist nicht nur professionell, sondern macht auch unsagbar viel Spaß.
Wenn du nur einen Satz sagen dürftest, um Menschen für Palliativversorgung zu sensibilisieren: Wie würde er lauten?
Die Palliativversorgung steht nicht für Kontrollverlust über eine Erkrankung, sondern für Selbstbestimmung.
Julian, vielen Dank für das spannende Gespräch!
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Januar 2026
